Bock in der Schlum

Auf halbem Weg zum Schneibstein geht die Sonne auf. Wir wollen heute die Ersten sein, die die Hochebene über Schneibstein und Windschartenkopf gehen. Der Steinbock steht früh auf, und das Hagengebirge ist sein Zuhause.

Sonnenaufgang hinter dem Tennengebirge

Wenn man der Werbung der Fremdenverkehrsförderung des Berchtesgadener Lands glaubt, dort wird des öfteren mit den Steinböcken geworben, dann sollte es kein Problem sein, einen anzutreffen. Jedoch haben wir in Wirklichkeit in den letzten 10 Jahren viele Duzend Touren in den Berchtesgadener Alpen gemacht, und nie einen Steinbock gesehen. Wir geben dem Mythos Steinbock heute eine weitere Chance. Es ist Herbst, es ist früh, wir gehen am Rande des Hagengebirges. Vieles passt heute. 

Bluntautal

Erstes gelbes Sonnenlicht durchmisst das Bluntautal. Aus einer kaltblauen Umgebung wird schlagartig eine orange durchgefärbte warme Welt. Hinter den Latschen gehen ein paar Schneehühner auf, die hier die Nacht verbracht hatten.

Torrener Joch, Hohes Brett

In frühen Morgenstunden in alpiner Höhe kann man manchmal das dunkle Knarren des Alpenschneehuhns hören. Vielmehr der Hähne einer Gruppe. Aus der Ferne sehen wir 10 bis 20 Exemplare über die Hänge nach oben fliegen. Die Flügel sind weiß, der Rumpf noch graubraun. Bis zum Winter werden die dunklen Federn komplett schneeweiß gemausert sein, damit sich das Alpenschneehuhn im Pulverschnee gut tarnen kann. 

Schneehuhn

Dabei ist das größere Problem des Schneehuhns heute nicht mehr der Greifvogel, vor dem es sich verstecken muß, den gibt es nämlich kaum mehr.  Sondern der Tourenskifahrer, der in zunehmender Häufung auftritt. Störungen und unnötige Fluchtvorgänge im Winter, der Zeit in der das Schneehuhn mit jedem Joule Energie haushalten muß, führen oft zu Unterkühlung und zum Tod der Tiere. 

Das Schneehuhn ist ansonsten ein wahrer Experte im Niedrigenergie-Haushalten und kann nur durch eine ausgefeilte Strategie der Sparsamkeit in der unwirtlichen Kälte von zwischen minus 20 Grad und minus 50 (!) Grad Celsius überleben. Es baut sich eine Höhle im Pulverschnee ca. 50cm unter der Oberfläche und ca. 1m horizontal verlaufend. Der Eingang wird verschlossen, so dass sich im Inneren höherer Temperaturen als außen einstellen. Das Prinzip eines Iglus. Dort verdaut es zuvor im Kropf gesammelte, gefrorenen Pflanzenreste und sogar Holzspäne, gepickt aus Zwergsträuchern. Zwei 25cm lange Blinddärme mit einer speziellen Bakterienkultur darin ermächtigen das Schneehuhn den Holzstoff Lingin zu verdauen, was anderen Pflanzenfressern nicht möglich ist. 

Auch der Klimawandel macht dem Schneehuhn zu schaffen. Klingt logisch, einem Schneehuhn wird sicher schnell zu warm. Ganz so simpel ist es allerdings nicht, aber fast. Die Klimazone und die Schneegrenze schieben sich nach oben, mit ihr der Aktionsradius natürlicher Fressfeinde am Boden. In größere Höhen ausweichend findet das Schneehuhn nicht mehr den gewohnten Lebensraum. Es fehlen dort zunächst die Pflanzen und Sträucher, also die Nahrungsgrundlage. Außerdem die Verstecke und Bruträume im Schutz von Zwergsträuchern. Der Bestand der Schneehühner in den Alpen ist in den letzten 30 Jahren um 30% gesunken.

Hochebene auf dem Schneibstein

Der Gipfel des Schneibstein hat wenig Gipfelcharakter. Es ist mehr eine riesengroße, milde Hochebene. Eine weite Fläche von Gras und Fels, von der man nach allen Himmelsrichtungen eine hervorragende Aussicht hat. Watzmann, Steinernes Meer, Untersberg, Hagengebirge, Tennengebirge, etc. von hier aus sieht man alles. 

Carl-v.-Stahl Haus

Vom Gipfel des Schneibstein aus blicken wir ein letztes mal herab auf das Carl-von-Stahl Haus, wo wir genächtigt hatten. Die Hütte ist sehr beliebt, da sie ganzjährig geöffnet ist. Sogar im tiefsten Winter kann man sich auf seinen Schneeschuhtouren oder Skitouren auf das CvSH als Einkehr verlassen. Während auf der Terrasse noch emsig in der Morgensonne gefrühstückt wird, sind wir schon weit oben und haben den Berg für uns allein: Früh aufstehen lohnt sich nur dafür schon. 

Hohes Brett (l) und der Göllstock von Norden
Blick über das Hagegebirge zum Tennengebirge

Der Alpenbraunelle machen die kalten und windigen Bedingungen deutlich oberhalb der Baumgrenze nichts aus. Sie ist ein typischer Bewohner großer Höhen, wo nur wenige Vogelarten ganzjährig anzutreffen sind. 

Alpenbraunelle

Zwischen Schneibstein und Windschartenkopf verlassen wir die Kulisse des Berchtesgadener Nationalparks gen Osten und betreten das österreichische Hagengebirge. Das Hagengebirge ist eines der weitläufigsten und einsamsten Gebiete zwischen dem österreichischen Tennengebirge und dem Nationalpark Berchtesgaden. Bewirtschaftete Almen inmitten gibt es keine. Wer das Hagengebirge durchqueren will, muss entweder sehr schnell zu Fuß sein, oder wild biwakieren. Letzteres ist bekanntlich verboten. Außerdem weisen Schilder mit Strafandrohung darauf hin, dass die Wege nicht verlassen werden dürfen, da im Gebiet die Räude beim Gamswild ausgebrochen ist. Eine Milbenkrankheit ähnlich der Krätze, die auch auf den Menschen übertragbar ist.

Hagengebirge

Im Hagengebirge sind die Steinböcke zu hause. Nur mit viel Glück und zu früher Stunde kann man sie sehen. Heute sind wir früh und haben Glück. Wir treffen auf eine Gruppe von Weibchen mit ihren Jungtieren an der Ostseite des Schlumkopfs (auch Schlungkopf genannt). Steinbockherden setzten sich zusammen aus 10 bis 20 Weibchen mit ihren Jungtieren. Daneben sind weniger stabile Junggesellenherden zu beobachten, in denen sich die nicht ausgewachsenen Böcke zusammengetan haben. Alte, kapitale Böcke hingegen leben alleine und gesellen sich nur zur Paarungszeit zu den Herden. Ansonsten durchstreifen sie auf langen Wanderungen das Gebirge auf Wegen zu ihren Sommer- und Wintereinständen. 

Steinböcke

In den Morgenstunden verlagert das Steinwild seinen Standort von seinen Schlafplätzen in bzw. kurz oberhalb der höchsten Wälder aufwärts zu besonnten Ost- und Südflächen und klettert weidend weiter auf. An hohen besonnten Stellen, gerne mit dem Rücken zu schützenden Felswänden, legt sich das Steinwild zum wiederkäuen danieder.  

Steinböcke

Wenn Steinböcke sich durch den Fels bewegen, dann tun sie das schnell und kraftvoll, oft von erheblichem Steinschlag begleitet. Sie springen mit beachtlicher Leichtfüßigkeit scheinbar mühelos Steilwände auf und ab. Sie haben dazu kräftige zweizehige Hufe mit scharfer Außenkante und in der Mitte gummiartige Ballen. Winzige Unebenheiten in glatten Felswänden genügen ihnen als Trittstufe.

Steinböcke

Das Steinwild ist selbstbewusst, und lässt Feinde nah an sich heran kommen, da es weiß, dass es sich mit ein paar Sprüngen wieder in Sicherheit bringen kann. Ein Verhalten, das im 17ten und 18ten Jahrhundert fast zur Ausrottung des Steinbocks geführt hat, denn die Evolution hatte ihn nicht auf die Erfindung der Schusswaffe vorbereitet.

Der Steinbock wurde vorwiegend aus abergläubischen und volksmedizinischen Gründen bejagt. Das es heute noch Steinböcke gibt, ist Italiens König Vittorio Emanuele zu verdanken, der das Steinwild am Gran Paradiso im Aostatal unter Schutz stellte und fortan nur noch alleine bejagte. Die Steinböcke in Berchtesgaden sind aus Italien eingeführte und hier ausgewilderte Tiere, die Ihre Population seitdem hier halten.  

Geröllhang unterhalb des Schulmkopfs

Nicht Viele können dem Steinbock durch das Gestein folgen, schon gar nicht in derart gerölligem Gelände, und schon gar nicht der Mensch. Wie ungelenke Roboter bewegen wir uns im Schneckentempo über das grobe Geröll fort. Auch mit Wanderstöcken kann man sich auf den unter den Füßen wegrollenden Brocken nicht ausreichend stabilisieren. Die Steinbockherde ist längst über alle Berge. Und wir sind mit uns beschäftigt.  

Schlum

Einsam ist es in der Schlum. Viel weniger begangen, als die Wege auf der Berchtesgadener Seite. Dort ist mit dem Jenner, der Seilbahn, dem Stahlhaus und der Sommer wie Winter beliebten kleinen Reibn, einer Wander bzw. Skitour in Richtung Seeleinsee, erheblich mehr Bergtourismus im Gange als hier. In der Schlum begegneten uns an einem Tag gerade mal zwei Wanderer. Auf der kleinen Reibn wären es zwanzig gewesen. 

Hinterschlum Alm

Die aufgelassene Alm Hinterschlum auf knapp unter 1.700m markiert die Baumgrenze. Hier laufen mehrere alte Wege durchs Hagengebirge zusammen, die in kaum einer Karte mehr verzeichnet sind. Die verfallene Alm, in solch einsamer und mühsam zu erreichender Umgebung, ist eine von vielen Zeuginnen für die lange vergangene Hochkonjunktur des Almbetriebes im Alpenraum des 19 Jahrhunderts. Damals war Landwirtschaft noch überlebensnotwendig, auch im flächenbegrenzten Bergland, und Fremdenverkehr noch kein Thema.

Schneibsteinostgrad

Der Schneibstein hat noch einen weiteren Gipfel, den sogenannten Schneibstein Ostgipfel. Über dessen Grat und den Grat des Rotwandkopfs verläuft eine weitere empfehlenswerte Tour. Eine Gratwanderung aus dem Bluntautal hinauf zum Hauptgipfel des Schneibstein, auf dem wir heute morgen waren. Aber das machen wir ein andermal. In Anbetracht der Langwierigkeit unserer Tour hier unten in der Schlum sieht das da oben auf dem Schneibsteinostgrad noch viel anstrengender aus.

Findlinge

Die unbestreitbare Wildromantik der Schlum kommt zum großen Teil daher, dass beidseits steile Felsabbrüche empor gehen, aus denen im Laufe der Jahrtausende viele Brocken herausgebrochen und zu Tal gestürzt sind, und durch die Vegetation wieder überwuchert wurden. Man schlängelt sich Stunden durch von Baumwurzeln umschlungene Felsblöcke und wundert sich des öfteren, wie Bäume hier überhaupt Fuß fassen können. 

Tannenmeise

Kurz unterhalb der Baumgrenze beginnt bereits die gemäßigte Klimazone, die Lebensraum vieler Waldvogelarten wie z.B. der Tannenmeise ist. Sie gleicht ein wenig der weitaus bekannteren Kohlmeise, ist jedoch wesentlich zierlicher. Sie bevorzugt dichte Nadelwälder und ernährt sich von Insekten, Spinnen und Samen. 

Buchenwald

Wir arbeiten uns Höhenmeter für Höhenmeter einen traumschönen Buchenwald herab. Teils gibt es hier abenteuerlich steile Passagen mit Leitern und Seilversicherungen. Jedes mal, wenn man sich über gemäßigtes Gelände freut, die Füße und Knie würden es danken, wird man um die nächste Kehre wieder eines besseren belehrt. Die Schlum bleibt anspruchsvoll und ermüdend, bis zum letzten Höhenmeter. Ganz zum Schluß geht es nochmal über wegloses Blockgestein steil herab in das Bluntautal. 

Am Kalten Wasser

Am kalten Wasser läuft Quellwasser aus und über den Fels. In die moosige Wand sind drei Holzrinnen montiert, die das Tropfwasser bündeln. Geht man die Schlum bergauf, ist das hier die letzte Chance, die Flaschen zu füllen und man sollte sie nutzen, denn die Schlum ist lang. 

Bluntautal

Unten im Tal fließt die Torrenerache, die sich bis zu den Bluntauseen schlängelt, und noch weiter bis nach Golling, wo sie in die Salzach fließt. Das Bluntautal im unteren Bereich und am Ende unserer Tour kann sich bis nach Golling noch gewaltig ziehen. Bis an den Gollinger Hauptbahnhof sind es noch 1,5 bis 2h. Am Gasthaus Bärenwirt sollte man sich und seinen lahmen Füßen daher eine Rast gönnen.

Tourenkarte Schlumm

Informationen für Wanderer:
Klassifizierung gemäß DAV Alpenführer: W4, schwieriger, stellenweise versicherter Bergsteig (KS1)
reine Gehzeit: 9 h inkl. 2 x 15 min. Pause
Strecke: 13,5km
Höhenmeter: aufwärts 550 Hm abwärts 1.770 Hm
Höchster Punkt: Schneibstein mit 2.276 m
Ausgangspunkt: Carl von Stahl Haus ( 1.733 m )
Karte: Alpenvereinskarte, 1:25.000, Nordalpen Blatt 10/2 Hochkönig, Hagengebirge 
Führer: Alpenvereinsführer Berchtesgadener Alpen
Kurzbeschreibung: Der Aufstieg zum Schneibstein ist eine angenehm umaufwändige Wanderei. Der Weg ist gut durchgestuft, hier und da ein wenig matschig (ugs. schlatzig) und führt zunächst durch Latschenfelder, später über sanften Wiesenanstieg hinauf zum Gipfel. Auf der Hochebene zwischen Schneibstein und Windschartenkopf ist das Gelände dankbar und die Aussicht zu allen Seiten phänomenal. Kurz vor dem Windschartenkopf geht der Alpenvereinsweg A454 nach links ab und der Weg abwärts nimmt eine schrofige und felsige Form an. Es gibt bald einige seilversicherte Stellen steil bergab (KS1). Noch ein paar Höhenmeter durch unangenehm steile Schotterkehren herab, dann befindet man sich bereits in der Schlum, unterhalb des Schlumkopfes (vereinzelt auch Schlungkopf genannt). Ab hier ist das Gelände maximal W4. Dadurch das der Steig jedoch selten begangen wird, ist er häufig überwuchert, bei Nässe rutschig und in Geröllbereichen wenig gesetzt und wackelig. Die Schlum ist ein Hochtal zwischen aufgehenden Bergwänden zu beiden Seiten, und führt vorbei am Brenneteck, der aufgelassenen Hinterschlum Alm, am Schneibstein Ostgipfel und dem Rotwandkopf. Hinter dem Gartenboden wählen wir die um eine Stunde kürzere Wegvariante, die nicht hinunter zum Vorderschlumsee führt. Am Kalten Wasser geht es durch einen alten Buchenwald weiter abwärts den Schlumsteig hinunter, teils mit versicherten Stellen, teils mit ortsfesten Leitern. Bis man letztendlich die Torrenerache im Tal erreicht, bietet der Weg immer wieder die Füße weiter erlahmende Steilstellen. Erst im Bluntautal geht es nur noch um einfache Kilometer. Noch ein bis zwei und man ist am Hauptbahnhof Golling.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.