Da wackelt die Heide

Die Lüneburger Heide gilt als einer der schönsten Naturräume Deutschlands. Zwar gibt es auch so etwas wie natürlich entstandene Urheide, aber meist ist die Heide Ergebnis menschlichen Wirkens. Die Lüneburger Heide zumindest hätte es ohne Landwirtschaft nie in solchem Umfang gegeben. Klingt komisch, ist aber so.

Gemeint ist damit natürlich nicht die maschinelle Intensivlandwirtschaft von heute. Hiervon gibt es auch um das Naturschutzgebiet Lüneburger Heide herum, wie fast überall in Deutschland, mehr als genug. Auf unserer Fahrradtour fahren wir von Soltau in die Heide hinein an endlosen monokulturellen Maisplantagen vorbei. Die nummerierten Schildchen von DuPont Pioneer kennzeichnen die hier gepflanzten Maishybriden, zu füttern mit Kunstdünger, zu pflegen mit chemischem Pflanzenschutz, sonst wächst er nicht perfekt.

Ökologischer Dünger wurde in der Heide schon viele hundert Jahre früher erzeugt und verwendet. Die sogenannte Plagge, ein Biodünger aus Humus, Pflanzenresten und Schafkötteln, ist ein im Mittelalter erfundenes Rezept der Heidebauern. Aber dazu später mehr.

Routenkarte

Unsere Fahrradtour von Soltau nach Hamburg durch die Lüneburger Heide ist mit 105km und etwa 550 Höhenmetern an einem Tag zu schaffen. Wenn man in der Lüneburger Heide ein paar Wanderrunden mit einbauen möchte, was sehr zu empfehlen ist, sollte man die Tour auf zwei Tage aufteilen und eine Zwischenübernachtung einplanen.

Routenkarte Ausschnitt Heide

Mögliche Wanderintermezzi: Das Pietzmoor (2), Brunautal (6), Suhorn und Haverbeeke bei Niederhaverbeck (7) (8) sowie Wildbienen-Rundwanderweg, Totengrund (11) und Pastor-Bode-Weg (12). Letzterer wurde 2014 zum schönsten Wanderweg Deutschlands gekürt, na wenn der nicht schön ist.

Graslandschaft südlich des Pietzmoors

Wir realisieren gleich das erste Intermezzo, die Pietzmoor-Wanderung, denn auf den schmalen Holzstegen durch das Moor sind selbstredend keine Fahrräder erlaubt.

auf dem südlichen Wanderweg zum Pietzmoor

Das Pietzmoor ist angeblich etwa 8000 Jahre alt. Pro Jahr entsteht durch Gedeih und Verderb der Spagnen (Torfmoose) 1mm Torfschicht. Das Pietzmoor hat stellenweise eine Mächtigkeit von mehr als 7,5m.

Aufgelassener Torfstich im Pietzmoor

Im 16.Jahrhundert stachen die Bauern der umliegenden Höfe mit Ihren Spaten rechteckige Soden aus dem Torf, trockneten sie und beheizten damit Ihre Häuser. Torf hat einen vergleichsweise niedrigen Brennwert, aber es war die beste verfügbare Alternative. Der handwerkliche Abbau war ökologisch zwar ein wenig relevanter Eingriff, machte aber Schule.

Torfbildende Spagnen (Torfmoose) im Pietzmoor

Mitte des 19.Jahrhunderts wurde das Moor dann systematisch parzelliert und entwässert. Was heute beim Durchqueren des Moors über die Holzstege vor allem zu sehen ist, sind die mit Wasser gefüllten Torfstiche. Früher war hier natürliches Moor, heute Wasserbecken in rechteckigen Parzellen.

Totholz

Nach dem zweiten Weltkrieg startete eine neue Phase der maschinellen Ausbeutung durch die Torfindustrie. Der industrielle Abbau endete jedoch bereits in den 1960er Jahren wieder. Die Rentabilität war nicht hoch genug.

Bizarre Moorgrasbüschel

Moor ist heute etwas seltenes geworden. Ungestörte, natürliche Moore gibt es kaum noch oder gar nicht mehr. Das war aber einmal anders. Ende des 18.Jahrhunderts war Niedersachsen großflächig mit Moorlandschaften bedeckt. Bis auf kleinste Überbleibsel sind diese heute sämtlich entwässert, abgetorft und zu Ackerland geworden. Unvorstellbar das Artenreichtum, das hiermit verloren gegangen ist.

Moorlandschaft Niedersachsens am Ende des 18.Jahrhunderts

Aber nun zum eigentlichen Thema:

Natürlich gehört zur Heide auch Moor, Bach und Wald. Aber wir wollen jetzt das lila Zeugs sehen.

Wir entern den Naturpark Lüneburger Heide von Süden. Das war ein Glücksgriff, denn so machen es die Wenigsten. Während, wie wir später feststellen werden, die Touristenmassen von Norden in die Heide einfallen, kann man in der Südheide tatsächlich ein paar Momente mit sich und der weitläufig blühenden Landschaft ganz für sich alleine haben.

Das Wort Heide wurde früher in landwirtschaftlichen Zusammenhängen oft für wenig ertragreiches oder schlechtes Land benutzt. Es ist das Land, was i.d.R. nicht bewirtschaftet wurde. Tatsächlich ist der sandige Boden der Lüneburger Heide auch sehr arm an Nährstoffen. Die Bauern im Mittelalter, die hier etwas anbauen wollten, mussten tricksen: Sie entnahmen großflächig die obersten Zentimeter des Oberbodens samt Vegetation, was sich „Plaggen“ nannte, und streuten Sie in Ihre Schafställe. Den ganzen Winter über wurde diese Einstreu dann vom Vieh mit deren ureigenen Zutaten „verbessert“, so dass der Bauer es im nächsten Jahr als Ökodünger auf seine Felder streuen konnte. Die Prozedur war Knochenarbeit, daher kommt auch das heute noch bekannte Wort „Plackerei“.

Durch die Bewirtschaftung der Heide wurde Baumbewuchs zurückgedrängt und durch die Plaggerei verarmten die Flächen an Nährstoffen. Nur genügsame Spezialisten wie das Heidekraut und Wacholder kamen mit diesem Boden noch zurecht, und versauerten ihn noch weiter. Mit dem Verbiß durch die Heidschnucken, der traditionellen Schafrasse der Lüneburger Heide, kommt das Heidekraut gut zurecht.

Heidekraut in Blüte

Heute wird die Heide von Landschaftspflegern maschinell geplaggt und mehrere Herden von Heidschnucken werden auch auch noch gehalten und zum fressen in die Heide geführt. Würde man diese Behandlung aussetzen, würden sich innerhalb weniger Jahre Bäume und Büsche breit machen und die Heide verdrängen.

Bienenstock

Die Besenheide, ugs. Heidekraut genannt, ist Blume des Jahres 2019 geworden. Sie ist eine extrem gute Bienenweide, denn jede einzelne der fantastillionen kleinen Blüten produziert jeden Tag 0,12mg Zucker. Also unbedingt auch mal den Honig aus der Heide probieren, der als Handwerksprodukt der Imker hier lokal angeboten wird.

Bienenkörbe

In Niederhaverbeck gibt es die Bienenwelten im VNP Natur-Informationshaus. Hier startet und endet der Wildbienen-Erlebnispfad. Auf 2,5km kann man hier in 16 Stationen eine Menge über Bienen und deren Lebensräume lernen. Die Privatsphäre der Bienen ist jedoch unbedingt zu wahren. Obiges Foto bezahlte ich mit einem Stich in die Stirn.

Heide und verdorrtes Gras

Wo die Besenheide munter wächst und blüht, verdorrt fast alles andere. Zu sandiger, versauerter Boden, zu wenig Wasser, zuviel Sonne. Der Sandboden wurde hier während der Eiszeit hinbewegt. Die Heide war in der Saale-Kaltezeit (230.000 bis 130.000 Jahre vor heute) drei mal komplett mit Eis bedeckt. Das Eis transportierte Sand und Findlinge hierher, die heute noch an vielen Stellen zu finden sind.

Vogelwarte auf dem Tütsberg

Wo es eine Vogelwarte gibt, gibt es auch Vögel. So meine Vorstellung, und deswegen habe ich auch das bleischwere Teleobjektiv mitgeschleppt. Tatsächlich habe ich leider in der kompletten Heide keine Vögel gesehen, auch nicht von der Vogelwarte aus. Vielleicht war es mit 31 Grad auch einfach zu heiß. In der Vogelwarte selbst gibt es ein Hinweisschild mit Bildern von Distelfalter und Kreuzkröte, was selbstredend beides keine Vögel sind, die im Brunautal (1km östlich) zu finden sein sollen. Erwähnt sind aber auch der Raubwürger und der Steinschmätzer, dieses sind Vögelchen. Keinen gesehen, vielleicht beim nächsten mal. Unsere Route schrabbt vorbei am Brunautal, hätten wir ein wenig mehr Zeit, könnten wir hier die Räder abstellen und ein paar km entlang der Brunau auf Krötensuche gehen.

Hinter Niederhaverbeck, da wo die Haverbeeke fließt, wird das Gelände etwas bewegter, denn es geht in Richtung Wilseder Berg. Der ist ebenfalls ein Produkt von Eisbewegungen in der Saale-Kaltzeit, und mit seinen stattlichen 169m üNN tatsächlich der höchste „Berg“ der nordwestdeutschen Tiefebene.

Wilseder Berg

Und da ist er, welch ein majestätischer Brocken. Aber wollen wir mal nicht spotten, die Aussicht von hier oben ist wirklich außerordentlich. Bedeutung hat der Berg auch aus vermessungstechnischer Sicht, Alexander von Humboldt hat Ihn als Dreieckspunkt bei seiner Landvermessung herangezogen. Und tatsächlich ist er beim begehen spürbar steiler als sein Umland. Man muß auf den letzten Metern vom Rad absteigen, sofern man kein Mountainbike dabei hat, sonst rutscht man im Sand einfach durch.

Vom Wilseder Berg Richtung Süden

Man erkennt von hier oben auch, dass die Lüneburger Heide nicht nur freie Heideflächen hat, sondern auch viel Wald. Der Wald ist allerdings teils auch Zeuge des damaligen Untergangs des historischen Heidebauerntums. Die Merinowolle verdrängte die Wolle der Heidschnucken, Petroleum den Bienenwachs und Rohrzucker den Honig. Die Bauern verkauften Ihr Land, die Plaggerei unterblieb und es wurde aufgeforstet. Die Erfindung des Mineraldüngers ermöglichte den großflächigen Anbau von Kartoffeln, was den Untergang vieler Heidelandschaften in Europa endgültig besiegelte.

In der Lüneburger Heide hat sich der Verein Naturschutzpark e.V., gegründet 1909 in München, der Landschaftspflege angenommen. Ohne sein Zutun würde die Heide bald buchstäblich wackeln.

Dat olle Hus

„Dat olle Hus“ ist das Heidemuseum in Wilsede in der Lüneburger Heide. Hier wird das bäuerliche Leben in der Heide um 1850 gezeigt. Das Haus wurde 1907 als Heidemuseum erbaut und eröffnet.

Bauernstube im „olle Hus“

Die Bauernhäuser wurden auch Mitte den 19.Jahrhunderts größtenteils noch ohne Schornstein aber mit Feuerstelle im Hauptraum gebaut. Positiver Nebeneffekt: Zu räuchernde Wurst und Schinken konnten einfach an die Zimmerdecke gehängt werden. Negativer Nebeneffekt: Die Bewohner litten und starben häufig an Atemwegserkrankungen.

historischer Heidschnuckenstall

Charakteristisch für die Lüneburger Heide sind auch die mit Reet gedeckten Schnuckenställe. Die Dächer sind weit herunter gezogen, oft sogar bis auf den Boden, so dass die traufseitigen Aussenwände entfallen konnten.

Totengrund

Der Totengrund gilt neben Pietzmoor und Wilseder Berg auch als eine der Hauptattraktionen in der Lüneburger Heide. Das Gelände fällt hier deutlich gegenüber der Umgebung ab und bildet ein Tal, bewachsen mit der charakteristischen Mischung aus Besenheide und Wacholderbüschen. Warum der Totengrund seinen Namen hat, dafür gibt es mehrere alternative Theorien. Wurden die Toten hier auf Umwegen durch getragen, um die alltäglichen Straßen nicht mit deren Geistern zu belasten? Hat ein eiszeitlicher Toteisblock hier lange nach der Eiszeit noch alles kalt und tot gehalten? Oder wuchs hier einfach nichts landwirtschaftlich nutzbares – Totes Land? Vermutlich ist es viel einfacher, und in der Topografie wurde einfach ein großes Grab gesehen. Die Frage bleibt ungeklärt. Der Totengrund ist nicht mit Fahrrad umfahrbar, aber auf schmalen Wegen zu umwandern. Empfehlung für ein Wanderintermezzo.

Wir fahren weiter über Teile des „Pastor-Bode-Weg“s in Richtung Nord. Der Pastor-Bode-Weg ist in Teilen reiner Wanderweg und nicht vollständig mit Fahrrad zu befahren. Als schönster Wanderweg 2014 ausgezeichnet, ist auch er eine kleine Wanderung wert.

Für Radfahrer ist die Wegqualität in der Lüneburger Heide teils harte Kost. Zwischen Wilsede und Undeloh hat man die Wahl zwischen grobem Katzenkopfpflaster, von Pferdekutschen völlig aufgetretener Sandfläche am Rand der „Straße“ und einem schmalen Sandweg mit sehr vielen Fußgängern auf der anderen Seite. Man braucht Geduld oder breite Reifen.

In Undeloh wird klar, woher der Besucherstrom in die Heide kommt. Hier werden an guten Tagen die Touristen mit haufenweise Reisebussen ausgeladen und dann mit großen Pferdefuhrwerken weiter nach Wilsede befördert.

Da wo viele Touristen sind, ist auch viel Kaffee und Kuchen, wir testen den Mandarinenschmand auf Buchweizenboden. Außerdem kann man hier lokale Erzeugnisse mit nach Hause nehmen. Wir kaufen zwei Glas Heidehonig. Heidekartoffeln gibts außerdem, unklar ob mit Plagge traditionell gedüngt, daher lassen wir die mal hier. Natürlich auch wegen des Transportgewichts per Fahrrad.

Wir haben in der Heide viel Zeit verbracht, jetzt müssen wir Kilometer schrubben. Auf Landstraßen geht es über den Hingstberg nach Wesel, Inzmühlen, Handeloh, Höcker und Sprötzel in den Stuvenwald. Wir durchqueren das Naturschutzgebiet Buchenwälder im Rosengarten und fahren von Süden über Wilhelmsburg nach Hamburg ein.

Alter Elbtunnel von Steinwerder nach St.Pauli

Wir nutzen den historischen Elbtunnel von Steinwerder nach St.Pauli. Über riesige alte Aufzugskabinen wird man unter die Erde befördert und darf den jüngst wunderbar restaurierten, denkmalgeschützten, 470m langen Tunnel durchqueren. Am anderen Ende sind dann wieder herrliche Großaufzüge mit Holzportalen. Der Tunnel wurde 1911 eröffnet, um den Hafenarbeitern eine Verbindung von Steinwerder zu den Landungsbrücken zu bieten.

Speicherstadt Hamburg

Wir haben nur noch wenig Zeit in Hamburg. Die Speicherstadt wird nur noch schnell durchquert. Ein kurzer Stop bei der Elbphilharmonie. Die rasche Weiterfahrt ist fast Barbarei, aber ein Tag ist endlich und unser Zug fährt auch ohne uns.

Riesenrolltreppe in der Elbphilharmonie
Treppenaufgang zur Besucherebene
Elbphilharmonie

Der Hamburger Hauptbahnhof ist wie immer seinen Aufgaben nicht mehr gewachsen. Der enge Bahnsteig bis an die Schmerzgrenze überfüllt, unendliche Schlangen vor den Aufzügen, alle sind von der Enge genervt. Der Zug kommt natürlich mit in letztem Moment angekündigter geänderter Wagenreihung. Zum Fahrradwagen zu kommen: Ein Rugby-Spiel.

Wir schaffen es hinein und genießen das Leben in vollen Zügen.

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