Berge

Im Steinernen Meer

Nicht jeder Tag in den Berchtesgadener Alpen ist klar und lieblich, auch nicht im August. Die regenreichste Region Deutschlands ist oft eigenwillig und gibt sich verhüllt. Darin steckt aber auch die Chance auf ein bisschen Mystik, denn die nachhaltigsten Eindrücke sind oft am Grad zwischen guten und schlechten Wetterbedingungen zu finden.

Wiesenhügel bei der Kallbrunnalm.

Wir starten unsere Tour an der Haltestelle „Abzweig Kallbrunnalm“ des Almerlebnis-Busses von Ramsau nach Weißbach. Da wir mit einer Hüttenübernachtung später zum Königsee durchwandern, also nicht zum Ausgangspunkt zurückkehren werden, ist der Bus die beste Option. Kein Auto oder Mountainbikes, die am Startpunkt wieder abgeholt werden müssen. An sonnigen Ferientagen kann der Bus reichlich überfüllt sein, aber heute regnet es; eine Chance.

Routenkarte vom Abzweig Kallbrunnalm nach St.Bartholomä

Nach einer Stunde strammen Ganges über unspektakuläre Forststraßen sind wir an der Käserei der Kallbrunnalm angelangt. Für Almkäse und Gamswürstel eine Adresse erster Klasse. Wir nutzen die Gelegenheit für eine kleine Verköstigung und nehmen Proviant auf.

Diessbachstausee

Links abgezweigt erreicht man nach kurzer Zeit die Diessbachtalsperre. Auch deren See liegt heute in Schwaden. Bis hierhin könnte man theoretisch mit Mountainbikes fahren, ab hier ist der Weg für Fahrräder gesperrt. Wenige Gehminuten später wird klar warum; Es sind die steilen Auf- und Abwärtsschwünge des uferbegleitenden Wegs, die sicher nur für sehr trainierte Radfahrer zu bewältigen wären, vor allem aber eine erhebliche Unfallgefahr bergen.

Sprühregen schmückt die Pflanzenwelt

Als Wanderweg ist die Route bis zum Ingolstädter Haus jedoch völlig gefahrlos. W2 schreibt der Alpenführer des DAV, was einem einfachen Wanderweg entspricht, der völlig ohne Problemstellen zu begehen ist. 

Es geht immer weiter durch das Diessbachtal, vorbei an Seehorn, Rössl und Hochwies, bis zum Abzweig zum Ingolstädter Haus unterhalb des Diessbacher Eck. Ab jetzt geht es steiler bergauf, und der in den Regenjacken kondensierende Schweiß fängt an, dem ergiebige Sprühregen den Rang abzulaufen. Nass werden wir nun von zwei Seiten. Die Bergwelt verändert sich von waldig in steinig und mit jedem Höhenmeter wird es ein wenig frischer, und der Nebel ein wenig dichter.

Schwarzer Alpensalamander

Noch immer begleitet unseren Weg gelegentlich der Diessbach, meist in Form von Wasserfällen in den steilen Felswänden. Wo alpine Höhe, kaltfeuchte Bachläufe und schattige Felsen oder Geröllfelder zusammenkommen, ist der schwarze Alpensalamander zuhause. Er ist als einziger einheimischer Lurch nicht auf Gewässer angewiesen, tatsächlich ist er sogar ein schlechter Schwimmer, liebt aber die kalte Nässe. Das Weibchen legt keine Eier, sondern fertige Jungtiere. Diese haben es sich zuvor, je nach Höhenlage des Elternhauses, zwei bis vier(!) Jahre im Mutterleib gut gehen lassen, sich an Eihülle und Gebärmutterwand gelabt, Ihre Larvenzeit und Metamorphose komplett hinter sich gebracht, und kommen mit nahezu vollständig zurückgebildeten Kiemen als exakte Kopien der Eltern auf die Welt.

Latschenkiefer

Ein paar hundert Höhenmeter weiter ist der Diessbachfall ist nur noch ein Rauschen im Nebel und bald treffen wir auf das Ingolstädter Haus. Es liegt auf 2.120 m üNN. Wir haben Glück, für einen Moment reißt die Sonne ein paar Löcher in die Wolkendecke und leuchtet die Szenerie phantastisch aus.

Alpenrose vor Ingolstädter Haus

Wir bringen unsere Nassen Sachen in den Trockenraum und lassen es uns in der Stuben bei Kniffel und heißer Schokolade gut gehen. Bis zum Abend hat es die Sonne tatsächlich geschafft, die Wolkendecke in die Knie zu zwingen. Wenn dies ein paar Stunden früher geschehen wäre, hätten wir noch gerne den Gipfel des „Großen Hundstot“ erklommen. So jedoch steht der Sonnenuntergang zu kurz bevor.

Das Steinerne Meer

Am zweiten Tag machen wir uns auf den Weg zum Funtensee. Während der Nacht hat der Nebel sein Terrain zurückerobert, und das sehr konsequent, die Sichtweite ist bescheiden.

Ingolstädter Haus im Nebel

Trotz der Jahreszeit sind in dieser Höhe große Schneefelder vorhanden, die gleich zu Anfang den Weg verdecken. Im Nebel ohne nennenswerte Sichtweite ist keinerlei Kennzeichnung zu sehen. Das stark abschüssige Schneefeld ist geradezu heikel zu begehen. Wir orientieren uns an den Trittspuren anderer, finden bald herunter vom Schnee auf den korrekten Weg, und steigen ab unter die Wolkendecke.

Über weitläufige Karstlandschaften geht es durch Gebiete mit treffenden Namen wie „Schönfelcken“ und „Himmelreich“ hinüber zur ehemaligen Schönbichlalm. Ab hier mit Abwärtstendenz zwischen „Großer Hirsch“ und „Viehkogel“ herab zum Funtensee mit dem Kärlinger Haus. 

Das Murmeltier observiert

Hier ist das Murmeltier zuhause. Schon lange, bevor man es erblickt, hat es einen erspäht und warnt die Artgenossen mit schrillem Pfiff. Es verharrt oft Minutenlang wie eine Salzsäule und observiert die Umgebung.

Murmeltier von seinem Bau

Am Kärlingerhaus sind die Murmeltiere jedoch alles andere als scheu. Schon die Lage des Baus, mit Haupteingang unmittelbar neben dem an guten Tagen frequentierten Wanderweg, lässt darauf schließen, dass die Tiere Wanderer gewohnt sind. Das Ritual des Warnpfiffs ist Brauchtum geworden und führt beim modernen Murmeltier nicht mehr zwangsläufig zu Rückzug, Versteck oder gar Flucht.

Wir starten durch in Richtung Königsee, denn das Kärlingerhaus wird gerade per Hubschrauber ver- und entsorgt. Es kommen Fässer mit womöglich leckerem Inhalt angeflogen, und es fliegen riesige Plastiktanks mit womöglich unleckeren Dingen zurück. Was für ein Getöse !?

„Saugasse“

Zwischen Schneiber und Simetsberg geht es die Saugasse hinunter. Viele, viele Kehren in mächtig steilem Gelände. Der Frage, warum die Saugasse ihren Namen bekommen hat, kann man sich nur spekulativ nähern: Die steilen, seitlichen Felswände begrenzen den Weg wie Gatterverschläge im Saustall? Der Aufstieg ist so beschwerlich, dass man irgendwann anfängt den Weg auf das übelste zu beschimpfen? Es gibt viele Möglichkeiten.

Schrainbachfall

Wir begannen unsere Tour im Wasser, und wir beenden sie entsprechend. Wir queren den Schrainbach, bewundern den tosenden Schrainbachfall und gelangen zum Königsee. Hier hat das Gries des Eisbachs einen Strand geformt, zwar aus barfuß schwer zu begehendem, spitzkantigem Dolomitschotter, aber immerhin. Nach einem abkühlenden Sprung in den Königsee fühlt man sich wie neu geboren.

Jedoch stimmt, was die Einheimischen über den Königsee sagen: Springt man als König rein, kommt man als Königin wieder raus.

Zu guter Letzt: Augen zu und durch die Touristenmassen hindurch per Schiff zurück nach Schönau.

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